Konzert am 4. November 2018

Kassel, Christuskirche

Heinrich Schütz

Musikalische Exequien  SWV 279-281

Giacomo Carissimi

Historia de Jephte 

Sopran:           Ava Malekesmaeili, Martina Hümmer
Altus:              Johann Moritz von Cube
Tenor:             Florian Brauer
Bariton:           Benjamin Hühne
Bass:               Jochen Faulhammer, Mario Jurzcyk

Kasseler Bachchor

Laute:             Tobias Hecker
Violoncello:    Sonja Lehmann

Leitung:         Norbert Ternes

Vor allem nördlich der Alpen tobt von 1618 bis 1648 ein grausamer Krieg, geprägt durch Hunger, Elend, die Pest, millionenfachen Tod. Rohheit, Missgunst und Waffengeklirr bestimmten die Zeit, in der sich Europa nachhaltig verändert. Zu dieser Zeit, die ihn zeitlebens prägte, lebte der bedeutendste deutsche Komponist des Frühbarock, Heinrich Schütz (1585-1672). Umso erstaunlicher ist es, dass er Musik von bis heute bleibendem Wert mit einer Fülle musikalischer Einfälle schuf, gestärkt durch tröstende Frömmigkeit und Glaubenskraft.
Nahezu gleichzeitig blüht im fernen Rom das frühbarocke  Leben. Hier wiederum gelangte Giacomo Carissimi (1605-1674) zu großer Berühmtheit, hatte er doch ab 1629 in Rom das Amt des Kapellmeisters am jesuitischen Collegium Germanicum inne und damit die musikalische Verantwortung für die dem Seminar gehörende Kirche Sant’ Apollinare. Dieses Amt war eine äußerst angesehene Position, dank derer Carissimi schon früh in ganz Europa berühmt und zu einer der führenden Figuren in der Musik des 17. Jahrhunderts wurde. Diesen politischen, sozialen, gesellschaftlichen und damit auch musikalischen Gegensätzen widmet sich das Konzert des Kasseler Bachchores: zwei Gipfelwerken des Frühbarock, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, in dessen Kasseler Hofschule der hochbegabte Schütz als Sänger wirkte, förderte sein Talent und gewährte ihm 1609 ein Stipendium zur Ausbildung in Venedig. Dort lernte Schütz sowohl die prachtvolle Mehrchörigkeit, wie sie an Venedigs San Marco durch Giovanni Gabrieli gepflegt wurde, als auch den modernen konzertanten Stil unter anderem von Claudioa Monteverdi kennen. Nach diesem Studienaufenthalt wurde Schütz nach seiner Rückkehr aus Italien 1617 Hofkapellmeister in Dresden.
Anlässlich der Trauerfeier für seinen Landesfürsten Heinrich Posthumus Reuß komponierte Schütz 1635/36 die Musikalischen Exequien. Sie zählen zu Schütz' epochalen und wegweisenden Werken. Besonders bemerkenswert ist, dass im ersten Teil der  Musikalischen Exequien die Verse der Sarginschriften des Fürsten vertont sind.  Schütz legt dabei großen Wert auf eine möglichst enge Verbindung von Wort und Ton, so wie wir es später aus der barocken Vokalmusik kennen.

Die Pflichten Carissimis als Kapellmeister bestanden im Unterrichten, im Komponieren und in der Leitung sämtlicher musikalischer Aktivitäten. Viele Musiker wie z.B. Marc- Antoine Charpentier ließen sich bei ihm ausbilden, andere lernten den von Carissimi entwickelten neuen Kompositionsstil über seine Musik kennen. Das Oratorium Jephte dürfte heute Carissimis bekannteste Komposition sein. Es lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen, wobei der erste Jephthas Sieg über die Ammoniter beschreibt, der zweite die Tragödie um seine Tochter, die zu opfern er geschworen hatte. Im ersten Teil werden  die Einwürfe des Chores genutzt, um den eigentlichen Bibelstoff dramatisch zu verstärken. Der zweite Teil ist mit dem Lamento von Jephthas Tochter besonders wirkungsvoll. Der Schlusschor gilt als eine der  ergreifendsten Lamento-Vertonungen der Musikgeschichte.